Kurz-Antwort
Der Deutschland-Stack ist der im Koalitionsvertrag 2025 verankerte Plan für ein gemeinsames technisches Fundament der deutschen Verwaltung — federführend beim BMDS und seit dem Beschluss des IT-Planungsrats vom 18. März 2026 verbindlich. Dazu gehören fünf zentrale Basisdienste (von der digitalen Identität bis zur Bezahlfunktion), fachunabhängige Plattformen wie KI-Dienste sowie eine souveräne Cloud-Infrastruktur, zusammengehalten von verbindlichen Standards. Überraschend ist, was nicht dazugehört: openDesk ist offiziell kein Baustein des Deutschland-Stacks — es läuft parallel als eigenes Vorhaben „Souveräner Arbeitsplatz”.
Detail-Antwort
1. Die Idee: ein gemeinsames Fundament statt 17 Einzellösungen
Das Beschlussdokument nennt den Deutschland-Stack das „Betriebssystem der Staatsmodernisierung”. Gemeint sind drei Ebenen, die Bund, Länder und Kommunen künftig gemeinsam nutzen sollen:
- Plattformkern mit fünf Basisdiensten — die Dinge, die jede Behörde braucht: digitale Identität (eID, BundID, EUDI-Wallet), Postfach, Datenaustausch (FIT-Connect), Datenabruf aus Registern (NOOTS), Bezahlfunktion
- Fachunabhängige Plattformen — z. B. KI-Dienste (KIPITZ), Workflow-Werkzeuge und ein Marktplatz für Verwaltungssoftware
- Infrastruktur und Betrieb — Entwicklung über openCode, Cloud-Betrieb über die Deutsche Verwaltungscloud (DVC) als Multicloud
Dazu kommen verbindliche Standards in sieben Technologie-Ebenen — von Künstlicher Intelligenz über Cloud und IT-Sicherheit bis Workflowautomatisierung — (fortgeschrieben im Föderalen IT-Standardisierungsboard) und eine Technologie-Landkarte mit den empfohlenen Basistechnologien. Das BMDS beschreibt den Plattformkern als „Digital Public Infrastructure” (DPI) und nennt als Leitprinzipien unter anderem API-First, Ende-zu-Ende-Digitalisierung und „Managed Services only”; eingekauft werden sollen Lösungen „primär am europäischen Markt” oder als Open Source entwickelt — in der Reihenfolge Wiederverwenden vor Einkaufen vor Selberbauen, proprietäre Software nur als begründete Ausnahme.
2. Seit März 2026 verbindlich beschlossen
Mit Beschluss B-2026/03-IT (49. Sitzung, 18.03.2026) haben Bund und Länder im IT-Planungsrat festgelegt: Der Bund führt, die Eckpunkte des Plattformkerns und ein erstes Portfolio stehen, die Standards-Anlage ist „verbindliche Grundlage”. Zuvor liefen zwei öffentliche Konsultationsrunden (Oktober–November 2025 und Januar–Februar 2026); parallel hat auch die Digitalministerkonferenz Umsetzungsaufträge erteilt (zentrales Cloud-Hosting-Angebot, gemeinsame Plattform-Basis, offene und anschlussfähige Ausgestaltung). Der Ausbau soll iterativ erfolgen; eine erste Version des Deutschland-Stacks stellt das BMDS für Anfang 2028 in Aussicht. Verbindlich heißt dabei nicht vollständig: Nach Feststellung des Bundesrechnungshofs hat der IT-Planungsrat zunächst 49 der 128 vom BMDS erarbeiteten Standards beschlossen — wesentliche Festlegungen, etwa zu Künstlicher Intelligenz, IT-Sicherheit und Low-Code, stehen noch aus. Bei der Finanzierung gilt ein Tauschprinzip: Der Bund finanziert die Entwicklung der fünf Basisdienste vollständig — im Gegenzug verpflichten sich Länder und Kommunen, sie in ihren Fachverfahren einzubinden und zu nutzen. Die konkreten Finanzierungs- und Bezugswege für den laufenden Betrieb werden dagegen noch geprüft (Stand August 2026).
3. Gehört openDesk dazu? Offiziell: nein
- Weder das offizielle Gesamtbild noch das beschlossene Portfolio noch die Technologie-Landkarte nennen openDesk oder ZenDiS.
- Im Stack stehen dagegen zwei Projekte aus dem direkten openDesk-Umfeld: openCode (die Open-Source-Plattform, auf der openDesk entwickelt wird) und die Deutsche Verwaltungscloud.
- Das BMDS führt openDesk stattdessen unter der eigenen Rubrik „Souveräner Arbeitsplatz” — mit dem Ziel, der Bundesverwaltung bis Oktober 2028 eine souveräne Alternative zu proprietären IT-Arbeitsplätzen bereitzustellen.
- Minister Wildberger nannte auf der re:publica 2026 beide Vorhaben in einer Rede — den Stack als Fundament, openDesk als „erste vollständig Open-Source-basierte Arbeitsplatz-Suite für die Bundesverwaltung” — ohne openDesk zum Stack-Baustein zu erklären.
- Im Fachdiskurs wird openDesk dagegen längst als natürlicher Kandidat behandelt; in Stellungnahmen zur Konsultation wurde eine „Inventur erfolgreicher bestehender Systeme” gefordert.
- Auch im einstündigen BMDS-Webinar zum Deutschland-Stack (August 2026, Mitschnitt in den Quellen) fiel openDesk kein einziges Mal — openCode und Verwaltungscloud wurden dagegen als tragende Bausteine vorgestellt.
Ob diese Trennung eine bewusste Architektur-Entscheidung ist (der Stack liefert Fundament und Basisdienste, Anwendungen wie openDesk docken später an) oder eine noch offene Governance-Frage, lässt sich aus den veröffentlichten Dokumenten nicht ablesen.
4. Die Debatte: Wie offen wird das Fundament?
- Bundesrechnungshof (Bericht an den Haushaltsausschuss, 31.07.2026 — nicht offiziell veröffentlicht, dokumentiert von netzpolitik.org): Die Meilensteinplanung kam erst ein Jahr nach dem Startbeschluss und lässt Abhängigkeiten und Risiken zwischen den Projekten außen vor; ein übergreifendes Berichtswesen fehlte; die Basisdienste wurden beschlossen, bevor feststeht, ob sie zu den Standards konform sind. Die Technologie-Landkarte macht zudem nicht kenntlich, welche Standards verbindlich beschlossen sind — sie schaffe „mehr Unsicherheit, als dass sie als verlässliche Planungsgrundlage dient”.
- OSB Alliance: Open Source, offene Standards und Schnittstellen müssen verpflichtende Kriterien sein — nicht nur „Kann”-Regeln. Warnung vor „Souveränitäts-Washing” durch proprietäre Cloud-Angebote unter Souveränitäts-Etikett.
- Bitkom: Gegenposition — Technologieoffenheit statt Open-Source-Exklusivität, Teilnahmebedingungen auch für internationale Anbieter.
- D64: Warnung vor einem „zentralistischen Monolithen”; Forderung nach „Public Money, Public Code” und föderaler Mitgestaltung.
- Zivilgesellschaft (Bündnis F5): Kritik an der Beteiligung — Konsultations-Workshops liefen vor allem mit Wirtschaftsverbänden.
5. Nicht verwechseln: „Deutschland-Stack” und „eigener Stack”
Wenn Schleswig-Holstein einen „eigenen Stack” baut (B.15), ist ein selbst zusammengestellter Baukasten aus Open-Source-Komponenten gemeint. Der Deutschland-Stack ist etwas anderes: die nationale, verbindliche Rahmenarchitektur, in die sich solche Lösungen künftig einfügen sollen.
Notizen
- Verhältnis zur Föderalen Modernisierungsagenda (6.1): Die Agenda ist das politische Reformprogramm mit Fristen (z. B. souveräne IT-Arbeitsplätze bis 31.03.2027), der Deutschland-Stack das technische Fundament dazu.
- Für den Basisdienst EUDI-Wallet haben BMDS und Bitkom ein Memorandum of Understanding geschlossen — mit über 100 unterzeichnenden Unternehmen (Stand August 2026).
- Eine Gesamtauswertung der beiden Konsultationsrunden hat das BMDS bislang nicht veröffentlicht.
- Europäische Anschlussfähigkeit ist erklärtes Ziel des Stacks — die Verbindung zu europäischen Initiativen wie dem EDIC (B.11) bleibt aber bisher Absichtserklärung, kein beschlossenes Mapping.